Kurzgeschichten

Traumperlen

Es geschah in einer ganz besonderen Vollmondnacht, als der Mond in seiner ganzen Pracht am Himmel stand und sein weißes Licht in das Wasser, tief hinab bis zum Grund dringen lies. Der Fisch, der in dieser Tiefe regungslos verharrte, wurde von diesem weiß-blauen mystisch scheinenden Licht magisch berührt. Alles schien auf eine ganz besondere Weise von innen heraus zu strahlen und um ihn herum erwachte alles zum Leben, der Meeresboden schien zu leuchten und die kleinen Luftbläschen, die sich an den Pflanzen und Korallen befanden, leuchteten ebenfalls. Sie schimmerten wie kleine Perlen, eine schöner als die andere. Sie schienen ihn in ihren Bann zu ziehen, ganz verzaubert von ihrer Schönheit, schwamm der Fisch dorthin. Ganz vorsichtig näherte er sich den kleinen Luftbläschen und als er eine von ihnen mit seinem Maul ganz behutsam aufnahm, geschah etwas seltsames, die Luftblase löste sich auf und über blieb eine wunderschöne Perle, die sich an ihn schmiegte. Er wiederholte dies noch einmal und siehe da, wieder löste sich die Luftblase und eine wunderschöne Perle kam zum Vorschein. Diese gesellte sich sogleich zur Ersten. Berauscht und beflügelt wiederholte er sein Vorhaben, wieder und immer wieder. So schwamm er durch das Wasser und es reihte sich eine Perle an die Nächste, bis sein schlanker, silbrig glänzender Körper über und über mit Perlen bedeckt war. Erschöpft und müde schloss er alsbald die Augen, genoss den Moment der Glückseligkeit so wunderschön und schwerelos. Als er die Augen wieder öffnete, war das weiß-blaue mystische Licht verschwunden und mit ihm die wunderschönen Perlen. Zurück bleiben die Erinnerung und der regungslose Fisch auf dem Meeresgrund.

Brigitte Böckels

 

Die alte Schachtel

Vorsichtig steige ich die alten Stufen bis zum Dachboden hinauf. Neugierig betrete ich ihn und schaue mich dabei um. Ich sehe in der Ecke, versteckt eine alte, mit Staub bedeckte Schachtel liegen. Langsam, ganz behutsam, hebe ich den Deckel. Das Sonnenlicht fällt, durch eine Ecke der fast blinden Dachfenster, auf die geöffnete Schachtel. Im Lichtschein sehe ich, feinen silber-weißen Staub flimmern. Vielleicht sind es kleine Wesen, die in der Schachtel lange Jahre verborgen waren und jetzt vor Freude im Sonnenlicht zu tanzen beginnen. Der Lichtschein wird stärker, bis der Dachboden hell erleuchtet ist. Leise erklingt eine zarte, anmutende Melodie. Etwas Besonderes liegt in der Luft. Schwingungen erfüllen den ganzen Raum. Ich fange an zu schweben, tanze mit den kleinen Wesen glücklich und schwerelos durch die Luft. Als die Dachbodentüre geöffnet wird, gleitet mir der Deckel aus meiner Hand und verschließt die Schachtel. Mit einem Mal ist der Zauber verflogen und hinterlässt in mir eine Spur von Traurigkeit.

Brigitte Böckels

 

Das Blatt

Ich schaue durch das Fenster auf die Äste, die schon vom Frost mit einem weißen Rau überzogen sind. Als ich ein einzelne Blatt in der Luft schweben sehe. Eigenartig, um diese Jahreszeit sind sonst keine Blätter mehr unterwegs. Als ich so meinen Blick nach draußen verliere, sehe ich das Blatt, wie es in der Luft hin und her schwebt- hm, denke ich, es weht kein einziges Lüftchen. Wie, mag das wohl gehen? Kaum hatte ich meinen Gedanken vollendet, hatte ich das Gefühl, das Blatt schwebte auf mich zu- ich traute meinen Augen kaum- kam es tatsächlich geradewegs durch das geschlossene Fenster auf mich zu. Merkwürdig dachte ich – ich verspürte gar keine Angst. Es schaukelte leicht hin und her- ich schaute weiter, wie gebannt auf das immer näher auf mich zukommende Blatt. Da bemerkte ich plötzlich, dass es eine außergewöhnliche Farbe hatte. Sie war gelb, nein orange, nein – es leuchtete von innen heraus in allen Regenbogenfarben. Nur die äußeren Ränder strahlten in einem ganz besonderen weiß-blauen Licht. Jetzt war das Blatt ganz nah bei mir und dabei strömte es eine wunderbare Wärme aus. Es bewegte sich weiter hin und her, so als ob es mich berühren wollte. Ich erhob mich ein wenig und da geschah es. Das Blatt umfasste behutsam meinen Oberkörper und meine Beine, bis ich schließlich sicher, wie gebettet auf ihm lag. Ein wunderbares, sicheres Gefühl durchrann meinen Körper, ich wusste, ich begab mich auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Brigitte Böckels

 

Wunderkerze

Ich schaue in das Licht, die Funken der Wunderkerze sprühen,

sie tanzen und sehen aus wie kleine Sterne am Firmament.

Erst leuchten sie ganz hell, dann schließlich –

lösen sie sich in nichts auf.

Ich gerate dabei ins Träumen und denke an Sternschnuppen.

Ob ich jetzt wohl einen Wunsch frei habe?

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt  mir nicht wirklich etwas ein,

ja, ich bin zufrieden und glücklich

-sozusagen wunschlos glücklich-

Der Gedanke an die Sternschnuppe lässt mich schmunzeln,  und ich denke:

Ich wünsche mir, dass es so bleibt.

 

Brigitte Böckels